Diese alte russische Stadt trägt ihren heutigen Namen Sergiev Posad (Sagorsk) eine verhältnismäßig kurze Zeit, aber etymologisch klingt dieser Name („hinter den Hügeln gelegen") wie für sie geschaffen. Man fährt über die Jarosla-wler Autostraße, die sich zwischen bewaldeten Hügeln schlängelt, an kleinen Ortschaften und ruhigen Flüssen und Bächen vorbei. Und plötzlich erblickt man einen vergoldeten Turm — das ist der Glockenturm der Troiza-Sergius-Lawra, eines der herrlichsten, im Laufe von fünf Jahrhunderten entstandenen Bauensembles Rußlands. Einst war die Lawra eine uneinnehmbare Festung, die in russischen Chroniken oft erwähnt wurde. 1920 unterzeichnete W. I. Lenin ein Dekret, nach dem d.e Troiza-Sergius-Lawra zu einem unter staatlichem Schutz stehenden Museum wurde. Dieses Kloster (im 18. Jh. in den Rang einer Lawra erhoben) wurde vom Mönchpriester Sergius (Warfalomej) von Radonesh, einem hervorragenden Geistlichen, Politiker und Organisator des Kampfes gegen die tataro-mongolischen Landräuber, gegründet. 1380 stellte der Moskauer Fürst Dmitri in diesem Kloster ein gesamtrussisches Heer auf und zerschlug dann die tataro-mongolische Horde auf dem Kulikowo-Feld am Don. An dieser Schlacht nahmen auch zwei Mönche des Klosters — Pereswet und Osljabja — teil, die durch ihre Tapferkeit die russischen Krieger anregten und somit wesentlich zum Sieg über den Khan Mamai beitrugen. In der darauffolgenden Zeit entwickelte sich das Troiza-Kloster zu einem bedeutenden Kulturzentrum und einer wichtigen Festung auf dem nach dem Norden führenden Weg. In der Mitte des 16. Jahrhunderts ließ der Zar Iwan der Schreckliche das Kloster mit dicken Mauern umgeben und mit vielen Kanonen versehen. In den Jahren der polnischlitauischen Intervention (Anfang des 17. Jahrhunderts) versuchte der polnische Fürst Zapega mit seinem zahlenmäßig starken Heer das Kloster einzunehmen, mußte jedoch nach einer 16monatigen Belagerung der Festung diesen Versuch aufgeben. In ein paar Jahrzehnten nach der Belagerung wurden die zerstörten Befestigungen wiederhergestellt und die Mauern überbaut — man erkennt noch heute an manchen Stellen die einstigen Schießscharten und Zinnen. Einige Türme wurden neu errichtet. Wollen wir nun einen Rundgang durch die Festung machen. Er beginnt mit der Besichtigung des Roten Turms. Sein Nachbar rechts ist der 1640 erbaute Pjatnizkaja-Turm, ein hervorragendes fortifikatorisches Werk seiner Zeit. Der Turm hat fünf Etagen; in jeder Etage wurden früher Kanonen untergebracht, unten standen große Nahkampfgeschütze und ganz oben kleinere Kanonenrohre. An diesem Turm stehen zwei Kirchen, die 1547 auf dem Geheiß Iwans des Schrecklichen gebaut wurden: die Wwedenskaja- und die Paraskewa-Pjatniza-Kirche. Daneben, auf dem Bachufer, befindet sich ein Brunnen, über dem um die Wende zum 18. Jahrhundert eine schöne steinerne Kapelle errichtet wurde. Die Südmauer hat zwei Türme: den Luko-waja- und den Wodjanaja-Turm. Das Obergeschoß des Lukowaja-Turms erhielt im 18. Jahrhundert eine verglaste Rotunde; der zweite Turm stammt aus dem 17. Jahrhundert und ist — abgesehen von seinem Dach — bis heute unverändert geblieben. Neben dem Wodjanaja-Turm befindet sich das Wassertor, ein Ausgang zum Bach. Die Westmauer hat einen großen, mehrmals umgebauten Turm — den Piwnaja-Turm. Die Nordostecke der Festung bildet der strenge Plotnitschja-Turm (17. Jh.). Die Nordmauer ziert der schmucke Kalitschja-Durchfahrtsturm aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Der schönste ist jedoch der Utitschja-Turm, dessen dekoratives Obergeschoß Züge des am Ende des 17. Jahrhunderts vorherrschenden Naryschkinschen Stils aufweist. Zum Schluß unserer Außenbesichtigung der Festung lernen wir noch den bescheidenen Suschilnaja-Turm und das unansehnliche Uspenski-Tor kennen. Durch das Heilige Tor, das man früher nur für die Zarenfamilie, den Patriarchen und die Metropoliten aufmachte, kommen wir auf das Territorium des Klosters. Gleich hinter dem Tor liegen der kleine Festungsvorhof, die loann-Predtetscha-Kirche (1699) und der Bogeneingang in die Lawra. Das älteste Bauwerk des Klosters ist die Troiza-Kathedrale, das erste Memorialgebäu-de Rußlands, Yollendet im Jahre 1422, zum 100. Geburtstag des Klostergründers Sergius von Radonesh. Die Kathedrale wurde aus behauenen Weißsteinplatten erbaut. Ihr Außendekor beschränkt sich auf einen bescheidenen Gürtel von Steinschnitzereien und die vergoldete Kuppel und Dächer. In der Kathedrale befinden sich die Grabstätte Sergius' von Radonesh in silberner Einfassung und der unschätzbare dreireihige Ikonostas des größten russischen Malers des Mittelalters Andrei Rubljow und seiner Schüler (insgesamt 42 Ikonen), darunter eine Wiederholung seiner weltberühmten „Dreieinigkeit" (das Original ist in der Moskauer Tretjakow-Gemäldegale-rie zu sehen). An der Kathedrale liegen die Nikon-Kirche, die sogenannte Serapion-Kammer und eine überdachte Vorhalle. Alle diese Bauten stammen aus dem 16. Jahrhundert. Ein anderes altes Baudenkmal der Lawra ist die Duchowskaja-Kirche. Das ist ein Ziegelbau mit dekorativen Details aus weißem Stein und mit einem Glockenstuhl. Die größte Baulichkeit des Klosters und seine Hauptkirche ist die Uspenski-Kathedrale. Ihr Bau wurde unter Iwan dem Schrecklichen in Angriff genommen und unter seinem Sohn Fjodor vollendet. Die Form der Kathedrale ist schlicht und majestätisch zugleich; die wichtigste Verzierung der Kathedrale sind ihre fünf Kuppeln. Im Innenraum fällt der vergoldete Ikonostas aus dem Ende des 17. Jahrhunderts mit Ikonen des dritten — nach Andrej Rubljow und Dionissi — grossen altrussischen Malers Simon Uschakow auf. Bemerkenswert sind auch die großen Kronleuchter aus Gußkupfer und die herrlichen Wandmalereien aus dem Jahre 1684. An der Westfassade der Kathedrale steht die schmucke Nadkladesnaja-Kapelle, die wie ein geschnitztes, bemaltes Holzspielzeug aussieht. Daneben befindet sich die schlichte, niedrige Grabstätte der Godunows. Prächtig ist das Gebäude des Refektoriums mit seiner Sergius-Kirche. Es ist mit Steinschnitzereien und Wandmalereien reich geschmückt und besteht aus einem geräumigen Saal mit einem eigenartigen Gewölbe, das eine hervorragende Leistung im Bauwesen des 17. Jahrhunderts war. Die Kirche ist vom Saal durch ein vergoldetes Schmiedeeisengitter abgetrennt und besitzt einen schönen geschnitzten Ikonostas. Die Wandmalereien stammen aus einer späteren Zeit, nämlich aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts. Im nördlichen Teil der Lawra befinden sich die Zarengemächer, ein Reiseschloß der Moskauer Zaren, die gewöhnlich mit vielen Gefolgsleuten in die Lawra kamen. Erhalten geblieben sind hier Verzierungen aus weißem Stein und Keramiken sowie bewundernswerte Kachelöfen aus dem 17.— 18. Jahrhundert und die kunstvollen Plafonds aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Die rot-weißen Krankenkammern mit der Zeltdach-Kirche der Heiligen Sossima und Sawwali gehören zu den anziehendsten Winkeln des alten Klosters. Vor den Kammern stehen Kanonen, die einst hinter den Schieß-löchern in den Mauern ihren Platz hatten. Aus dem 18. Jahrhundert stammen die kleine, achtkantige Michejewskaja-Kirche, die ebenfalls kleine, erlesene Smolenskaja-Kirche und der Metropolitenpalast, mit dessen Bau noch im 16. Jahrhundert begonnen wurde. In der Mitte der Lawra steht der Glockenturm. Der erste Erbauer des Glockenturms war I. Mitschurin; sein Nachfolger D. Uchtomski ließ zwei weitere Stockwerke errichten und führte den Bau zum Abschluß. Der Glockenturm wurde zum Mittelpunkt der Lawra, zu einer Achse, um die sich die alten wie auch die späteren Bauten ein einheitliches Ganzes bilden. Man kann heute die Lawra ebensowenig ohne den Uchtomski-Glockenturm vorstellen, wie Moskau ohne den Kreml oder Leningrad ohne die "Admiralitätsnadel". In mehreren alten Gebäuden sind die Kollektionen des Museums untergebracht. Die ehemalige Sakristei beherbergt eine überaus reiche Sammlung von Kleinplastiken, Gefäs-sen aus Edelmetallen, Festtrachten, Handschriften, alten Stickereien und Ikonen aus dem 14.— 15. Jahrhundert, darunter zwei Ikonen aus dem Besitz Sergius' von Radonesh. Erhalten geblieben ist auch dessen Leichentuch mit Sergius' gesticktem Bildnis. Manche Ausstellungsstücke sind echte Kostbarkeiten, so die mit zahlreichen großen Perlen, Edelsteinen und anderen Juwelen geschmückte Erzbischofsmütze aus dem Jahre 1626 oder die „Inditia", eine Altardecke, die 1601 in den Godunow-Werkstätten gestickt wurde. In den ehemaligen Gemächern des Lawra-vorstehers ist eine Ausstellung der russischen Kunst vom Beginn des 18. Jahrhunderts untergebracht: Bilder der ersten russischen Maler, die von der Temperamalerei zur Ölmalerei übergingen, Juwelen und Festtrachten von Geistlichen (manche dieser Trachten tragen bis 4 kg Perlen!). Der nationale russische Sinn für das Schöne wird am besten anhand der Ausstellung des Kunstgewerbes vor Augen geführt. Hier sind Erzeugnisse aus dem „russischen Werkstoff", dem Holz, zu sehen: Geschirr, Verzierungen russischer Bauernhäuser, Spinnröcken, Starkästen, ferner Volkstrachten und Kopfputze, in denen die überlieferten Anzeichen des Heidentums deutlich zu erkennen sind, gestickte Handtücher aus Rohleinen, geschmiedene Leuchtspanhalter, Holzsp'ielzeug aus dem Dorf Bogorodskoje, eigenartige bemalte tönerne Spielsachen aus Dymkowo, Steingut aus Gshel, alte Kopftücher aus Pawlowo-Possad und viele andere Exponate, die zweifelsohne für jeden Museumsbesucher von Interesse sind. Weltbekannt sind die Schwarzlaekerzeugnissc aus dem Dorf Fedoskino bei Moskau und dem berühmten Palech. Ihre Kunst weist viele gemeinsame wie auch die nur dem einen oder dem anderen Dorf eigenen Züge auf. So sind für die Fedoskinoer die Miniaturkopien von bekannten Gemälden typisch, während die Palecher Meister in ihren Werken die Traditionen der altrussischen Malerei pflegen. Unter den ausgestellten Erzeugnissen aus Palech ist „Die Troika" von Iwan Wakurow, einem der besten Meister der älteren Generation, zu sehen. Die feine Linienführung und das Zusammenspiel von frohen, hauchzarten und mehrschichtigen Farben wirken wie ein Wunder. Und auch wie ein Wunder wirkt die Troiza-Sergius-Lawra selbst, ein einmaliges Werk, geschaffen durch das Genie des russischen Volkes. |
|
|